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Zusammenarbeit, nicht Wettkampf

Additive Fertigung wäre ein furchtbares Thema für ein Reality-TV-Programm

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Von Randy B. Hecht

Reality TV zelebriert die „The winner takes it all“ Mentalität. Am Ende gewinnt nur ein Spieler und erhält den Preis, den Ruhm und das Siegergeld, während die anderen als Verlierer nach Hause geschickt werden. Und alle lachen.

Die treibende Kraft hinter der additiven Fertigung (AM) beruht jedoch auf der genau entgegengesetzten Denkweise und Mentalität. Die Hauptakteure in dieser Branche sind überzeugt, dass Kooperation und Zusammenarbeit in jeder Hinsicht mehr Gewinner hervorbringen und zu mehr Innovation, einem dynamischeren Markt sowie höherer Profitabilität für alle führt. Als Unterhaltungskonzept mag das nicht funktionieren, entfacht jedoch innerhalb der additiven Fertigung branchenübergreifend eine betriebliche Revolution.

Zusammenarbeit und IP-Sharing waren in den frühen Anfängen von Hightech-Entwicklungen traditionell unüblich. Dadurch verlangsamt sich jedoch die Markeinführung, technologisches Potenzial wird in vielen Fällen nicht ausgeschöpft. Das Problem erweist sich besonders in solchen Industriebereichen als akut, die einem strengen regulatorischen Umfeld unterworfen sind, wie zum Beispiel in der Luft- und Raumfahrtindustrie, und die zur Erfüllung eines Qualifikationsstandards Spezifikationen als Vorgabe benötigen.

Von Partnerschaft profitieren

Darum sind Partnerschaften der Schlüssel zu nachhaltigem Fortschritt bei Ausschöpfung des vollen AM Potenzials. „Die Luft- und Raumfahrindustrie ist hochreglementiert aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen an Verkehrsflugzeuge. Dies erfordert Standards zur Kontrolle der Technologie und Technik“, sagt Dan Johns, Chief Technology Officer für die additive Fertigung bei Oerlikon. „AM ist jedoch für Bauteile der Luft- und Raumfahrtindustrie noch nicht standardisiert. „Ein entscheidender Türöffner ist hier die Beschleunigung von Datensätzen, die für die Qualifizierung von AM erforderlich sind, wodurch wieder mehr Gewicht auf das Teilen unseres Wissens und technischen Know-hows untereinander gelegt wird.“

Der kooperative Ansatz ergibt auch in finanzieller Hinsicht Sinn. „Für ein einzelnes Unternehmen wäre dieser Alleingang fast zu kostspielig“, sagt Johns. „Theoretisch können wir alle Daten für die Qualifizierung erstellen. Wir sind jedoch nicht die Designbehörde für die Bauteile. Das ist unser Kunde — also müssen wir mit einem erstklassigen OEM zusammenarbeiten, der zwar die Teile entwickeln und bauen möchte, jedoch nicht über alle Material- und Prozessdatensätze (M&P) für Konstruktion, Fertigung und Tests verfügt.“ Durch Bildung von Partnerschaften und Joint Ventures erschaffen die führenden Köpfe in der Entwicklung neuer industrieller AM Anwendungen die technischen Regeln und Vorschriften, die die additive Herstellung in Zukunft maßgeblich bestimmen werden.

Diese Kooperationen bergen daher das Potenzial, Prototyp für andere OEM Beziehungen in der additiven Fertigung für die Luftfahrt zu werden. Dadurch erhalten Entscheidungen zugunsten des Datenaustausches auf diesem Gebiet eine noch größere Bedeutung. Die Zielsetzungen der Partnerschaften von Oerlikon mit Ruag Space beinhalten konkrete Qualifikationsziele für Raumfahrtsysteme. Oerlikons Gemeinschaftsprojekte mit Lufthansa Technik zielen spezifisch auf die Qualifizierung von AM Anwendungen im Markt für Wartung, Reparatur und Überholung (MRO) ab. Weiterhin werden die im Rahmen der Partnerschaft von Oerlikon mit Boeing entwickelten Daten der U.S. Federal Aviation Administration (FAA) – also der US-Bundesbehörde für Luftfahrt – zur Verfügung gestellt, um so die Entwicklung und Erstellung allgemein zugänglicher Spezifikationen und Standards zu unterstützen.

Den Markt gestalten – und teilen

Geistiges Eigentum jedermann zugänglich zu machen, klingt zunächst nach einer Strategie, wie man Marktanteile an die Konkurrenz verliert. Aber die Besonderheiten der additiven Fertigung stellen diese traditionelle Sichtweise auf den Kopf. „Das Teilen von Daten, Wissen und Know-how ermöglicht die Bildung aller erforderlichen Versorgungsketten, woraus sich wiederum der Markt herausschält und formt. Zudem beschleunigt dieser Ansatz die Innovationszyklen und verbessert die technologische Leistung. Natürlich entsteht daraus auch die Gelegenheit zum Wettbewerb, aber die Partner sind sich einig, dass Konkurrenz eine Schlüsselrolle bei Öffnung des Marktes und Erhöhung seines Wertes spielt“, betont Johns.

Wie Johns weiter ausführt, ist die Alternative kontraproduktiv: Die Begrenzung des Marktplatzes beschränkt auch sein Potenzial. „Wir möchten dazu beitragen, diesen Markt zu öffnen und seinen Wert zu erhöhen. Durch Kooperation ist unser Nettowert längerfristig gesehen höher und wird früher erwirtschaftet, als wenn wir im Alleingang arbeiten würden. Wir glauben, das wir auf längere Sicht wachsen werden, weil wir unseren Kunden die Schaffung des Marktes auf kurze Sicht ermöglichen.“

Dieselbe Philosophie hat Oerlikon und die Technische Universität München dazu bewogen, 2017 die Munich Technology Conference (MTC) on Additive Manufacturing ins Leben zu rufen. Die dritte MTC wird vom 8. bis 10. Oktober 2019 stattfinden. Folgen Sie uns weiterhin für mehr Informationen und werfen einen Blick darauf, wie die künftige Zusammenarbeit in der additiven Fertigung aussehen wird.

Das AM “Bermuda”-Dreieck

 

Um das Bermudadreieck ranken sich zahlreiche Mythen, die sich mit dem geheimnisvollen ungeklärten Verschwinden von Schiffen, Flugzeugen usw. beschäftigen. Dan Johns hat jedoch ein AM „Bermuda“-Dreieck geschaffen, das den gegenteiligen Effekt hat: Es stellt sicher, dass große Ideen nicht von der Bildfläche verschwinden.

Wie diese Grafik veranschaulicht, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, um Ideen in Innovationen umzusetzen und diese Innovationen auf den Markt zu bringen: Pulver, Anwendungstechnik und Additive Fertigung (AM).

Johns erklärt weiter: „Man muss alle Elemente der Wertkette integrieren, um AM voll nutzen zu können. Wenn wir uns nur auf die Konstruktion konzentrieren, können uns wichtige konstruktionsrelevante Schlüsselmaterialien und entscheidende Prozessschritte entgehen. Ich verwende eine einfache Gleichung, um diese gegenseitige Abhängigkeit auszudrücken: Pulver (P) + Prozess (Pr) = Material (M) / Form (S = Shape).”

Dan Johns
Chief Technology Officer Oerlikon AM

 

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