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„So also werde ich sterben!“

Fallschirmspringen: Eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod

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Autoren: Erik Sherman und Nicole Amrein

Aus einem Flugzeug springen und mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde Richtung Boden stürzen – Marco Büchel erinnert sich noch gut daran, wie er zum ersten Mal dieses Abenteuer gewagt und sich dabei gefühlt hat: „Trotz der intensiven Vorbereitung herrschte völlige Leere in meinem Kopf.“

Das Signal zum Absprung gab ihm der Fallschirmlehrer per Schulterklopfen. „Ich brachte mich in Position, schaute nicht nach unten und dachte nur: So also werde ich sterben!“

Doch Marco Büchel überlebte den Sprung. Mehr noch, er fand das Gefühl schlicht „überwältigend“. Dabei ist ihm der Nervenkitzel nicht fremd, hat er als Alpinskifahrer doch rekordverdächtige sechs Mal an den Olympischen Winterspielen teilgenommen. Und: Mit einem Sieg bei einer Weltmeisterschaft im Alter von 36 Jahren gehört er ausserdem zu den ältesten Teilnehmern, denen dies jemals gelungen ist.

2010 hat Büchel mit dem Skisport aufgehört, nicht aber mit dem Fallschirmspringen. 1 300 Sprünge hat er bisher absolviert. Zählt man das Basejumping noch dazu, also Sprünge, bei denen man sich mit einem Fallschirm von Brücken oder Klippen stürzt, sind es sogar noch 300 mehr.

Auf seinen beeindruckendsten Sprung angesprochen, muss Marco Büchel nicht lange überlegen.

„Das war 1995 über der Küste Floridas nahe Cape Canaveral.“ Es war 5:30 Uhr morgens und in Kürze sollte ein Spaceshuttle starten. „In dem Moment, als das Spaceshuttle abhob, gab uns der Pilot das Signal zum Springen“, erinnert er sich. „Direkt nach dem Absprung öffneten wir unsere Fallschirme. Ich flog also hoch über der Küste und sah, wie das Spaceshuttle der NASA während des Sonnenaufgangs startete.“

Was ihn, den professionellen Athleten, am Fallschirmspringen am meisten fesselt? „Das Gefühl der absoluten Freiheit, wenn dich nichts mehr ausser der Luft berührt.“

Dennoch gibt es Gefahren, eine gewisse Angst fliegt auch nach Jahren immer noch mit. „Das ist sehr wichtig und nützlich“, meint Büchel. „Die Angst sorgt dafür, dass man sich des möglichen Risikos bewusst ist. Dadurch bleibt man fokussiert und konzentriert bei der Sache.“

Deshalb darf das Gefühl der ultimativen Gefahr, welches er auch bei seinem allerersten Sprung verspürt hat, nie verschwinden. Vor jedem Sprung geht Büchel im Kopf noch einmal alles durch, was schiefgehen könnte, damit er im Fall der Fälle schnell reagieren kann. Wichtig: Vor dem Besteigen des Flugzeugs prüft er jedes Mal, dass sich keine der Leinen verheddert hat und der Textilschirm so gefaltet ist, dass er sich problemlos und zügig öffnen lässt.

Eine Ausrüstung kostet laut Marco Büchel locker um die 10 000 Euro. Doch kümmert sich der Springer nicht ausreichend darum, sind auch die teuersten Materialien wertlos. Denn was den überlebenswichtigen Unterschied in der Luft ausmacht, sind nicht mehr als dünne Kunstfasern. Die technischen Anforderungen an diese Fasern sind darum auch enorm: das grosse Fallschirmtuch darf nicht mehr als sieben Kilo schwer sein, um nicht in Fetzen gerissen zu werden, wenn der Schirm beim Öffnen Kräften im Bereich von 3 bis 18 g ausgesetzt wird.

Wie alles hat sich auch das Material für Fallschirme im Laufe der Jahre stark verändert. Ursprünglich wurde Segeltuch und dann später Seide verwendet. Heute sind es vor allem moderne Materialien aus Polyester und Nylon. Die synthetischen Fasern sind weniger anfällig auf Schimmel, belastbarer und zu guter Letzt auch wirtschaftlich noch attraktiver. In jüngster Vergangenheit wurden auch Versuche mit Dacron und Kevlar für Spezialfallschirme, die in extremen Höhen eingesetzt werden, durchgeführt. Für den Breitensport bleiben Polyester und Nylon jedoch auch auf lange Sicht hin immer noch die eigentlichen Favoriten.

Hersteller von Fallschirmen sehen sich mit immensen Herausforderungen konfrontiert, müssen sie doch beständige und fortschrittlichste Qualität liefern – schliesslich geht es bei der Fertigung von hochwertigem Industriegarn für Fallschirme um nicht weniger als Leben und Tod.

 

Das Oerlikon Segment Manmade Fibers ist mit seiner Produktmarke Oerlikon Barmag ein führender Hersteller von Filamentspinn- und spulanlagen. Die Garne aus Polyester, Nylon, Polypropylen, Keflar oder Aramid, welche auf diesen Anlagen hergestellt werden, werden außer in der Fallschirmindustrie auch bei anderen Verwendungszwecken mit höchsten Anforderungen an ein modernes Material eingesetzt, so beispielsweise für technische Textilien wie kugelsichere Westen oder feuerbeständige Kleidung.

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